Inmitten von Ausgrenzung, Verfolgung und Krieg: Bildung für eine demokratische, vielfältige Gesellschaft Lehrer*innen berichten über ihre Delegationsreise nach Rojava / Nordsyrien

Eine Delegation von Lehrer*innen, Mitglieder der Bildungsgewerkschaft GEW, besuchte im Mai 2018 verschiedene Orte in Rojava/Nordsyrien, unter ihnen Vertreter*innen des Oldenburger Solidaritäts- und Schulpartnerschaftsprojekts mit Kobanê. Sie führten Gespräche mit Einrichtungen des Bildungswesens und der Selbstverwaltung sowie mit Kolleg*innen an den Schulen.
„Der Aufbau des Bildungswesens in der Föderation ist beeindruckend. In den letzten Jahren wurden große Anstrengungen für den Wiederaufbau der Schulgebäude unternommen, um den Schüler*ìnnen eine Fortsetzung des Schulbesuchs zu ermöglichen. Dort wird Bildung mit einer grundlegend neuen Ausrichtung vermittelt, auf der Grundlage der Gleichwertigkeit, mit einer friedlichen, demokratischen, geschlechtergerechten und ökologischen Perspektive. Bei den Besuchen in mehreren Schulen konnten wir uns davon überzeugen, wie weit eine Ablösung des früheren autoritär ausgerichteten und nationalistisch-diskriminierenden Schulsystems bereits fortgeschritten ist. Besonders beeindruckt hat dabei die starke, selbstbewusste Rolle der Frauen. Dieser Aufbau braucht die Unterstützung der Kolleg*innen, hier werden Fluchtursachen beseitigt,“ formulieren die Oldenburger Lehrer*innen.
Mit zahlreichen Fotos und Erlebnissen berichteten Christian Katz und Birgit Zwikirsch über ihre Reise nach Rojava / Nordsyrien (am 20. und 22.8.2018).

Zukunftspreis 2018 für „Jiyana Nu – neues Leben“

Urkunde
In einer feierlichen Veranstaltung wurde am Freitag, 18.05.2018 im PFL das gemeinsame Projekt der OBS Eversten und der Helene-Lange Schule „Jiyana nû – Neues Leben – Solidarität macht Schule“, ein Bildungs- und Schulpartnerschaftsprojekt mit Nordsyrien/Rojava mit dem von Werkstatt Zukunft ausgeschriebenen Oldenburger Zukunftspreis 2018 ausgezeichnet.
Die Jury der “Werkstatt Zukunft”, die mit dem Oldenburger Zukunftspreis vorbildliche Projekte von Schulen in Oldenburg und den Landkreisen Ammerland, Oldenburg und Wesermarsch auszeichnet, würdigt damit das Engagement der Schülerinnen und Schüler, die sich über mehrere Jahre mit der Situation in Rojava (Syrien) und dem Wiederaufbau von zwei Schulen beschäftigt haben. Allein durch die bisher drei durchgeführten Spendenläufe der beiden Schulen konnten bislang etwa 63 000 € an die syrischen Partnerschulen übergeben werden.
Zukunfspreis
Im Rahmen der Veranstaltung erläuterten die Schülerinnen und Schüler der AG “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” beider Schulen ihre bisherigen Schritte und Aktionen ihres Engagements, von der ersten Kleiderspendenaktion für yezidische Flüchtlinge 2014 bis hin zur Vereinbarung einer Schulpartnerschaft 2017.
Christian Katz (ehem. Lehrkraft der HLS) würdigte die Arbeit der Schülerinnen und Schüler und hob hervor, dass diese Initiative wohl die einzige in Europa ist, in der sich Schülergruppen selbstständig engagieren, damit Schüler in einem anderen Teil der Welt zur Schule gehen können.
Die beiden Vertreter der Schulleitungen, Herr Denker (stellvertr. Schulleiter der OBS Eversten) und Frau Sczesny (didaktische Leiterin der HLS) bedankten sich bei allen Lehrkräften – insbesondere den beiden Leitern der AG “Schule ohne Rassismus” Birgit Zwikirsch (OBS Eversten) und Christian Katz (HLS)-, die dieses Projekt zu jeder Zeit voll unterstützt haben. Sie betonten, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur viel für die Schulen in Kobane, sondern auch innerhalb ihrer eigenen Schulen viel bewirkt haben.
Zukunft
Nachdem es im September 2017 aus bürokratischen Gründen nicht möglich war, dass Vertreter der syrischen Schulen nach Deutschland kommen durften, obwohl auch eine offizielle Einladung eines Bundestagsabgeordneten vorlag, reisen am Samstag, 19.05.2018 Herr Katz und Frau Zwikirsch mit einer Kollegin aus München nach Kobane und in die Region Royava. Sie werden dann das erste Mal persönlich mit den syrischen Lehrkräften zusammentreffen und sicherlich viele Eindrücke und Erfahrungen über die derzeitige Lage in Kobane mit nach Oldenburg bringen. Im Gepäck haben sie Grußworte der beiden Schulleitungen, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und des Oldenburger Oberbürgermeisters Jürgen Krogmann.

Ein notwendiger Tropfen auf den heißen Stein in Kobanê

Oldenburger Schulen übergeben 25.000 Euro für den Wiederaufbau der Schulen

Am 31.März haben die beiden Schulleiterinnen der Oberschule Eversten und der Helene-Lange-Schule sowie Vertreter*innen der Arbeitsgruppen „Schule ohne Rassismus“ den beim letzten Spendenlauf im September erlaufenen, beeindruckenden Betrag von 25 000 Euro an Herrn Dr. Masoud Hasan, Vertreter der Demokratischen Föderation Nordsyrien/Rojava in Deutschland, übergeben.

OBSE-Spendenuebergabe
Spendenübergabe an der OBSE

Ein erfreulicher Moment, sollte man meinen, angesichts der Tatsachen, dass an dem 3. Spendenlauf für den Wiederaufbau der Schulen in Kobanê/Nordsyrien durch die zusätzliche Beteiligung des 7. Jahrgangs der IGS Flötenteich inzwischen 1600 Schüler*innen teilgenommen hatten und dass alle mithilfe ihrer Eltern, Verwandten, Nachbarn und Freund*innen einen so großen Spendenbetrag zusammen getragen hatten. Doch ein wenig wirkte die Freude wie ein Tropfen auf den heißen Stein, denn weder die Situation in Kobanê noch die Umstände der Spendenübergabe entsprachen der ursprünglichen Vorstellung der Organisator*innen noch vor wenigen Wochen.

Während der Osterferien – so die Planung -sollte das Spendengeld im Rahmen einer überregional organisierten Delegationsreise nach Nordsyrien/Rojava von den betreuenden Lehrkräften des Oldenburger Schulprojekts direkt an die Bildungsverantwortlichen in Kobanê übergeben werden. Es sollten Besuche in den beiden Partnerschulen vor Ort sowie Gespräche über die Verwendung des aktuell gesammelten Geldes stattfinden. Über eine Internet-Übertragung sollten die Schüler*innen in Oldenburg sowie die Öffentlichkeit direkt an der Spendenübergabe teilhaben können.

Mitten in die Vorbereitungen der Reise fiel jedoch der schon seit längerem angedrohte und von den Menschen in Nordsyrien/Rojava befürchtete Angriff der türkischen Armee und der mit ihr verbündeten Milizen auf die Region Afrin, die ebenso wie Kobanê Teil der Selbstverwaltungsregion Nordsyrien/Rojava ist. Erklärtes Ziel der Invasion war und ist nach Aussagen des türkischen Präsidenten Erdogan die „Säuberung“ des gesamten, mehrheitlich kurdisch besiedelten Gebietes an der Grenze zur Türkei , in dem seit 2012 das Projekt einer demokratischen Selbstverwaltung auf der Basis von ethnischer und religiöser Vielfalt sowie von Geschlechtergerechtigkeit aufgebaut wird. Mehrere Hunderttausend Menschen wurden aus der Region Afrîn evakuiert, und auch Kobanê übernahm, bei allen noch immer selbst zu bewältigenden Aufgaben und bei allen Sorgen um die eigene Bedrohung, Verantwortung für die Versorgung der Geflüchteten in den eingerichteten Camps und in der Stadt.

An eine Delegationsreise von Lehrer*innen aus Deutschland war in dieser Situation nicht zu denken. So mussten die Geldübergabe und die Gespräche in Kobanê ausfallen, genauso wie schon der Besuch der Lehrer*innen aus Kobanê beim Spendenlauf in Oldenburg ausgefallen war, weil diese von der Deutschen Botschaft in Beirut kein Einreisevisum erhalten hatten.

Dennoch waren sich alle Beteiligten einig, dass das Spendengeld gerade in dieser aktuellen Situation möglichst bald übergeben werden sollte, um den Kindern und Jugendlichen vor Ort, trotz der zusätzlichen Belastungen durch die Nothilfe für die Geflüchteten aus Afrin, ihr Recht auf Bildung und Entwicklung gewähren zu können. So sollte das Geld aus dem Spendenlauf die kontinuierliche Fortsetzung des Wiederaufbaus der Schulen in Kobanê unterstützen.

HLS-Spendenuebergabe
Spendenübergabe an der HLS

Nach einer entsprechenden Vereinbarung mit dem Vertreter der Föderation Nordsyrien, Herrn Dr. Masoud Hasan, wurden kurzfristig zwei Termine für die Übergabe der Spenden an der Oberschule Eversten und an der Helene-Lange-Schule vereinbart, an denen Schüler*innen und Lehrkräfte der Projektgruppen der beiden Schulen sowie die jeweiligen Schulleitungen, Frau Steffen und Frau Helmerichs teilnahmen. Herr Hasan berichtete ausführlich über die aktuelle Lage in Nordsyrien und beantwortete viele Fragen der interessierten Anwesenden. Im Namen der Schüler*innen und Lehrkräfte aus Kobanê bedankte er sich sehr herzlich für das kontinuierliche Engagement der Oldenburger Schulen, das für die Menschen vor Ort eine große moralische Unterstützung darstelle, und für den besonders großen Spendenbetrag.

Bereits wenige Tage später erhielten die Schulen zahlreiche aktuelle Fotos aus den jeweiligen Partnerschulen in Kobanê und Girê Spî, die das Bemühen verdeutlichen, den Kindern und Jugendlichen vor Ort auch unter schwierigen Bedingungen Bildung und Entwicklung zu ermöglichen. Ebenso wollen sich auch die Schulen in Oldenburg bemühen, die Unterstützung des Wiederaufbaus der Schulen in Nordsyrien fortzusetzen, und sie halten auch weiterhin an der Idee eines persönlichen Austauschs mit den Kolleg*innen der Partnerschulen fest, den sie so bald wie möglich realisieren möchten. Zur Fortsetzung der Spendensammlung findet im Herbst in Kooperation mit der Musikschule Oldenburg ein Benefizkonzert in der Oberschule Eversten statt.

25000 Euro für Kobanê – ein großer Erfolg

Für die große Beteiligung und Unterstützung, den tollen Einsatz beim Lauf und die Mitarbeit in der Vorbereitung und Durchführung allen beteiligten Schüler*innen, Lehrer*innen, der Schulleitung, den Eltern, Sponsoren und allen weiteren Unterstützer*innen ein großes Dankeschön.

Der 3. Spendenlauf der Helene – Lange-Schule und der am 5. September 2017 für den Wiederaufbau von Schulen in Nordsyrien/Rojava war wieder ein großer Erfolg. In diesem Jahr freut uns besonders, dass wir 180 Schüler*innen der IGS Flötenteich begrüßen durften, sodass insgesamt fast 1600 Schüler*innen starteten.

Die NWZ berichtete am 8.11.2017 in einem ausführlichen Artikel. Es gibt auch noch einen Link zu einem Filmbericht von O-eins Lokalfenster: http://www.oeins.de/mediathek/rubriken/ (Lokalfenster vom 8.9.2017, Ausschnitt von 08:23-12:05 Minuten)

3. Spendenlauf für Jîyana Nû

Der 3. Spendenlauf der Helene -Lange-Schule und der Oberschule Eversten am 5. September 2017 für den Wiederaufbau von Schulen in Nordsyrien/Rojava war wieder ein großer Erfolg. In diesem Jahr freut uns besonders, dass wir 180 Schüler*innen der IGS Flötenteich begrüßen durften, sodass insgesamt fast 1600 Schüler*innen starteten.

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Die Bereitschaft der Schüler*innen durch den Lauf einen großen Beitrag für den Wiederaufbau von Schulen in Kobanê zu leisten war groß und alle gingen mit Begeisterung an den Start. In diesem Jahr wurde der Lauf zusätzlich durch einen Kuchenverkauf, ein Begleitprogramm des Musikbereichs der Helene-Lange-Schule sowie eine Musikklasse der IGS Flötenteich unterstützt. Auch die Stadt Oldenburg wurde durch einen Redebeitrag unserer Bürgermeisterin Frau Wolf vertreten.

Leider war der Tag durch eine traurige Nachricht getrübt: Eine Gruppe von Lehrkräften aus Kobanê konnte nicht nach Deutschland einreisen und dadurch nicht wie geplant am Spendenlauf teilnehmen, sodass kein Austausch zwischen unseren Schüler*innen und den Lehrkräften aus Kobanê stattfinden konnte.

Die Lehrkräfte aus Nordsyrien warteten über zwei Wochen in Beirut auf ihre Visa und erhielten trotz der Vorlage aller erforderlichen Unterlagen, trotz der Einladung und umfangreicher Bemühungen von Herrn Meiwald (MdB für OL) und trotz einer Projektförderung durch das Niedersächsische Kultusministerium von der zuständigen Deutschen Botschaft keine Einreiseerlaubnis. Die Gründe für die Ablehnung der Visaanträge sind für uns nicht nachvollziehbar.
Die Schüler*innen und Lehrkräfte unserer Schulen waren fassungslos und traurig, insbesondere die Gruppen „Schule ohne Rassismus“, die das Partnerschaftsprojekt vor fast drei Jahren initiiert und seitdem immer breitere Unterstützung innerhalb und außerhalb der Schulen erfahren haben. Natürlich werden wir das Projekt trotz allem fortsetzen und geben unsere Bemühungen nicht auf, in naher Zukunft eine persönliche Begegnung mit den Vertreter*innen aus Kobanê zu erreichen.
Die in diesem Jahr gesammelten Spenden, auch wenn die Spendengelder noch eingeholt und ausgezählt werden müssen, werden uns diesem Ziel hoffentlich einen Schritt näher bringen!