Fluchtbewegung, Rojava und „Schule ohne Rassismus“

Auszüge aus dem Redebeitrag der Schulen in der Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung „back to rojava“
(…)
Wenn sich eine Schule der Initiative SoR anschließt, verpflichtet sie sich, sich aktiv gegen Rassismus und gegen jede Form der Diskriminierung zu engagieren. Das bedeutet, innerhalb der Schulen eine konkrete Antidiskriminierungsarbeit zu organisieren und sich gleichzeitig in entsprechende gesellschaftliche Auseinandersetzungen zum Thema einzubringen. Beides versuchen wir mit verschiedenen kleinen und großen Projekten an unseren Schulen zu tun.


(…)
Das Staatstheater hat sich vor einigen Monaten mit einer Installation in die öffentliche Diskussion zur aktuellen Fluchtbewegung nach Europa eingebracht. Die TheaterbesucherInnen wurden durch eine Grabinstallation und die Gedenktafel mit der Aufschrift „für die Toten an den europäischen Grenzen“ an die Menschen erinnert, die auf der Flucht nach Europa ihr Leben verloren haben – und nach wie vor verlieren.
Viele hatten dabei die Katastrophen der gesunkenen Boote mit Geflüchteten im Mittelmeer vor Augen, und viele sicher auch den Tod des kleinen Jungen aus Kobanê, der tot am Strand gefunden wurde. Die Familie des Jungen war so wie Zehntausende andere Menschen vor den Angriffen des sog. IS aus Kobanê in die Türkei geflohen und war dann auf dem anschließenden Weg nach Europa mit Ausnahme des Vaters ertrunken.
Die Berichte über den Tod des Jungen und seiner Familie haben zeitweise die Berichterstattung in den Medien bestimmt. Sie haben, auch zeitweise, zu einer sehr positiven Haltung zur Aufnahme syrischer Geflüchteter geführt und auch hier in Oldenburg eine große Hilfsbereitschaft ausgelöst.
Im Vergleich dazu war und ist die Solidarität mit denen, die in Kobanê geblieben sind und die nach der Befreiung vom sog. IS wieder zurückgekehrt sind, um mit einem großem Engagement die Stadt und die umliegende Selbstverwaltungsregion Rojava neu aufzubauen, gering.
Abgesehen von wenigen Ausnahmen gibt es so gut wie keine Medien-Berichterstattung über den demokratischen gesellschaftlichen Aufbau, den es im syrisch-kurdischen Rojava gibt, und über die großen Schwierigkeiten, mit denen dieser Aufbau zu kämpfen hat. Es gibt in den Medien keine großen Spendenaufrufe zur Unterstützung, keinen ernsthaften Protest gegen die Blockade und die Bedrohung dieses Aufbaus. Und das, obwohl doch gerade hier ein Ort wäre, um wieder neue Lebensperspektiven für Geflüchtete zu schaffen und damit auch Fluchtursachen zu vermindern.
Dieses Schweigen der Medien hat natürlich einen Grund: Die deutsche und europäische Politik setzen, um ihre sog. Flüchtlingsfrage zu lösen, v.a. auf einen Handel mit der türkischen Regierung, die aber, wie wir inzwischen immer deutlicher berichtet bekommen, einen Aufbau demokratischer Strukturen im angrenzenden Syrien genauso wie im eigenen Land, mit allen Mitteln zu verhindern versucht.
Als Initiativen „Schule ohne Rassismus“ müssen und wollen wir uns von solchem politischen Kalkül der jeweiligen Regierungen unabhängig machen.
Die Hilfsorganisation „medico international“ unterstützt den Aufbau in der Selbstverwaltungsregion Rojava im Norden Syriens schon seit seinem Beginn im Zusammenhang mit dem sog. Arabischen Frühling 2012. Im Begleitheft zu der Fotoausstellung, die wir hier im Theater zeigen, schreibt sie dazu:
„Wir stellen uns an die Seite von Kobanê, weil sich dort die Möglichkeit eines demokratischen Gemeinwesens jenseits von radikalreligiöser Gewalt und nationalistisch-korruptem Autoritarismus abzeichnet: einem Gemeinwesen, das neue und inklusivere Formen der Demokratie erprobt, ein Demokratiemodell, das beginnt, von den existierenden Minderheiten und ihren Differenzen her zu denken – jenseits der Herrschaft einer Mehrheit.“
Unsere Gruppen SoR wollen auch deshalb das Kobanê-Projekt „Jiyana nu“ fortsetzen und es weiter verbreitern. Entwickelt hat es sich aus dem Entsetzen über die Angriffe des sog. Islamischen Staats im Herbst 2014. Inzwischen ist für uns immer deutlicher geworden, dass wir mit dem Projekt nicht nur im Protest, sondern auch in der positiven Ausrichtung auf der richtigen Seite sind.
Das demokratische Projekt Rojava gibt den Menschen, die dort leben und denjenigen, die zurückkehren möchten, ein Perspektive, die auch den Grundgedanken der Initiative „Schule ohne Rassismus“ entspricht: Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Frauen und Männern und von Menschen verschiedener kultureller und religiöser Bevölkerungsgruppen.
Wenn wir, so wie wir es vor haben, eine Schulpartnerschaft mit den Schulen in Kobanê anfangen, werden wir dadurch sicher noch eine ganze Menge lernen können.
Mit der Ausstellung „back to rojava“ wollen wir Öffentlichkeit für Rojava herstellen und wir würden uns über eine Unterstützung unseres Schulprojekts „Jiyana nû – neues Leben“ für den Wiederaufbau in Kobanê sehr freuen.
(…)